Steven Spielberg im TELE 5-Interview

Seinen ersten Preis gewann Steven Spielberg im Alter von 13 Jahren mit einem 40-minütigem Kriegsfilm „Escape to nowhere“ bei einem Filmwettbewerb. Ans Aufhören denkt der heute 68-jährige aber noch längst nicht, außer …


„An dem Tag, an dem ich meine Nervosität verliere, höre ich auf Filme zu drehen!“

Was ist das Ziel Ihrer Filme?
Manchmal fühle ich mich zu Geschichten hingezogen und zwar so stark, dass ich einen Film daraus machen muss. Wenn ich diese starken Gefühle habe, muss ich Regie führen und könnte mich nicht damit zufrieden geben, nur als Produzent an dem Film zu arbeiten. Ich hoffe immer mit meinen Filmen ein breites Publikum mitzureißen. Ich konzentriere mich nie nur auf eine Zielrichtung – ich will, dass viele unterschiedliche Leute meine Filme anschauen.

Und wie entscheiden Sie, welchen Film Sie produzieren und bei welchem Film Sie Regie führen wollen?
Das ist eine gute Frage, die ich mir immer wieder selber stelle. Um ehrlich zu sein, habe ich darauf noch nie eine Antwort gefunden. Wenn mich etwas vollkommen fesselt, weiß ich, dass ich nicht anders kann und muss einfach die Regie übernehmen. Und als Geschäftsmann weiß ich, wenn ich eine gute Story lese, dass ich diese produzieren möchte. Aber für mich ist es ein großer Unterschied, ob ich produziere oder Regie führe. Manchmal bezweifle ich, ob ich die richtigen Entscheidungen als Produzent treffe, aber ich zweifle nie an meinen Entscheidungen, wenn ich Regie führe – ganz egal, ob der Film erfolgreich oder erfolglos ist.

Wie entdecken Sie Schauspieler und woran erkennen Sie, wer für welchen Film geeignet ist?
Ich bin als Altstar für meine tollkühne Rollenverteilung bekannt. Damals gab ich Drew Barrymore ihre erste große Rolle in „E.T.“ und Christian Bale seine erste Film-Rolle in „Das Reich der Sonne“. Ich riskiere alles für neue Leute, an die ich total glaube. Ich habe keine Risikoangst und sicherlich auch keine Angst davor, jemandem eine Rolle zu geben, der den Film tragen muss, obwohl er zuvor noch nie in einem Film mitgespielt hat. Wenn ich daran glaube, dass sie diese Gabe haben, reicht mir das.

Sie führen schon so lange Regie. Sind Sie noch nervös wenn Sie an einem Film arbeiten?
Ja klar bin ich nervös – und wie. Dieses Gefühl habe ich schon seitdem ich 12 Jahre alt bin und mit der 8-Millimeter Filmkamera meines Vaters gedreht habe. Nur damals scheuchte ich meine Freunde umher und jetzt Schauspieler... (lacht). Aber ich versuche immer meine Nervosität vor den anderen am Set zu verstecken. Wieso sollte ich sie damit belasten? Die Schauspieler haben ihre eigenen Probleme – sie müssen sich ihre Texte merken und sich darauf konzentrieren, wie sie die Szenen an diesem Tag spielen, deshalb behalte ich meine Unruhe für mich selber. Es ist nicht leicht einen Film zu drehen. Aber meine Nervosität bedeutet für mich aufrichtig zu sein und zu wissen, dass auch ich nicht auf alle Fragen eine Antwort habe. An dem Tag an dem ich meine Nervosität verliere, höre ich auf Filme zu drehen.

Also ist es eine gute Art von Nervosität?
Ja. Damit bleibe ich ehrlich zu mir selber und ehrlich meinen Kollegen gegenüber. Und auf jeden Fall hält sie mich davon ab zu glauben, dass ich alle Antworten auf alle Fragen habe.

Haben Sie Angst?
Angst würde ich es nicht nennen, eher die Erwartung auf das Ungewisse. Das könnte eine Lebensmittelvergiftung sein oder auch etwas anderes. Vielleicht die Sorge, dass ich mein Leben nicht so gut organisieren kann, wie ich meine Filme schreibe. Und es gibt keinen besseren Weg damit umzugehen, als eine Geschichte – wie in der Art eines Filmes – zu erzählen. Wenn ich mit einem Film fertig bin, kommt das Gefühl wieder zurück. Dann muss ich eine neue Geschichte erzählen.

Haben Sie einen Trick, um ihre Geschichte so gut zu erzählen, dass Ihre Filme hinterher einschlagen?
Nein... (lacht) ... . Dafür gibt es keinen Trick. Ich verlasse mich nicht auf meine Zuversicht, um meine Filme zu erzählen, sondern tauche am Set auf, mit der Hoffnung, dass ich auf einen Glücksbringer stoße. Manchmal finde ich keinen. Dies sind dann besonders harte Tage. Es ist besser für mich zum Set zu kommen, mit offenen Armen und einem offenen Herzen um Raum zu haben zu improvisieren. Denn mal ehrlich, was hilft es, wenn ich alles vorher festlege? Bei einem iPad, weiß ich, wenn ich es teste, dass es funktioniert. Aber bei mir ist es anders. Ich weiß nicht, was funktioniert, bis es funktioniert. Ebenso weiß ich nicht, was nicht funktioniert, bis es versagt – wenn das Sinn macht? Aber so arbeite ich schon mein ganzes Leben.

Haben Sie Ihr eigenes Team?
Ja natürlich. Ich muss mich auf mein Team verlassen können, Sie nehmen mir einen großen Teil meiner Belastungen ab und sind oben drauf auch noch sehr kreativ. Für Kreativität habe ich natürlich immer ein offenes Ohr.

Ich habe gehört, dass Sie in ihre Kindheit gemobbt wurden. Stimmt das?
Ja, leider. Ich war ein Außenseiter. Ein Langeweiler. Ich spielte in der Schulband mit, spielte Klarinette und sang auch noch im Schul-Chor mit. In meiner Nachbarschaft waren keine anderen Juden. Viele der Kinder beschimpften mich immer mit „die Spielbergs sind dreckige Juden“. Es ging sogar so weit, dass ich meine jüdische Abstammung verleugnete und behauptete, dass Spielberg ein deutscher Name sei. Meine Großeltern würden sich im Grab umdrehen, wenn sie das wüssten.

Wie gingen Sie damit um?
Ich bekam eine Kamera von meinem Vater und stürzte mich ins Filmen. Filme zu drehen war meine Rettung. Damit konnte ich anfangen mich selber zu akzeptieren, weil ich merkte, dass ich dies richtig gut konnte.

Viele Ihrer Filme greifen in ihre Kindheit zurück.
Richtig. Meine Mutter war nicht wie eine Mutter, sondern eher wie eine große Schwester. Sie war damals wie Peter Pan und wollte nie erwachsen werden. Mein Vater hat immer viel gearbeitet. Und obwohl unsere Familie vereint war, vermisste ich ihn oft, weil er immer arbeitstechnisch unterwegs war. Mit „E.T.“ zum Beispiel habe ich die Scheidung meiner Eltern wiedergespielt. Aber auch in vielen meinen Filmen sehen wir, wie die Väter ihre Söhne verlassen. Damals habe ich das meinem Vater übel genommen, wir haben uns gestritten und keine Verbindung mehr. Doch dann, vor knapp 20 Jahren, habe ich gemerkt, dass ich ihn liebe und lieben muss und wir haben uns versöhnt.

 

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