Uwe Boll fragt Uwe Boll

Interview mit Uwe Boll

Anlässlich der „Bollwerke“ ab 22. Juni auf TELE 5 zum 50. Geburtstag des schlimmsten Filmemachers aller Zeiten.

TELE 5: Herzlichen Glückwunsch Herr Boll. Sie feiern gerade einen runden Geburtstag – 50 Jahre – Sie sehen jünger aus, muss ich sagen! – und sind zu Besuch in Deutschland, weil TELE 5 Ihnen eine ganze Woche widmet mit Bollwerken. Überrascht?

Uwe Boll: Nö, überhaupt nicht. Also ich denke, ARD und ZDF hätten mir beide jeweils zwei Wochen widmen müssen. Haben sie aber nicht. Aber TELE 5 ist super und von daher bin ich natürlich froh, dass TELE 5 zig meiner Filme ausstrahlt und dafür auch sehr viel Geld bezahlt. Das ist natürlich das Allerwichtigste.

Und generell: Ja, ich fühl mich jung, ich seh‘ gut aus und geh jeden Tag zur Massage und alles Mögliche. Ich halt mich fit.

Die TELE 5-Reihe läuft unter dem Titel „Bollwerke“. Finden Sie das zu aggressiv? Muss man da Angst haben, wenn man die Filme guckt?

Ne, gar nicht. Ich denke, da wird die Seele offengelegt. Man muss sich darauf einlassen und sich darin wälzen. Irgendwie. (lacht)

Also jetzt mal ehrlich: Hätte Ihnen ein anderer Sender auch so eine Reihe gewidmet? Oder war nur TELE 5 bereit, das zu machen?

Ne, nur TELE 5 würde dieses hohe Risiko eingehen. (lacht) Ich meine Massenproteste, und so weiter... Wir rechnen mit allem. Man weiß ja, im Internet ist immer sehr viel Boll-Stress angesagt. Aber, das macht ja auch TELE 5 aus. Den Mut zu haben, auch kontroverse Dinge zu zeigen.

Sie befragen sich selbst. Warum? Hat sich kein anderer beworben, oder sind Sie es einfach leid, immer dieselben Kritiker-Fragen zu beantworten?

Beides. Ich denke, erstens wollte mich niemand interviewen … Ich habe verschiedene Leute vorgeschlagen, Günther Jauch und so weiter. Aber keiner wollte es machen. Und dann war die Idee naheliegend, dass ich alle Fragen zensiere – und die dann auch selber stelle! Und von daher: es funktioniert ja wunderbar. Ich fühle mich sehr relaxed.

Serienmörder, Amokläufer… Sie machen ja relativ harte Filme. Deshalb kommen die auch oft mitten in der Nacht bei TELE 5. Warum so oft so heftig? Warum machen Sie denn nicht einfach nette Kinderfilme?

Ich hab mal einen Kinderfilm produziert, als ich damals für Taunusfilm gearbeitet habe: "Das Geheimnis der Kormoraninsel". Und es war eine Katastrophe. Ich habe ihn nicht gedreht sondern nur produziert, aber ich musste die halbe Crew rausschmeißen, innerhalb von drei Drehtagen, weil die vollkommen unfähig waren. Also, ich glaube nicht wirklich an Kinderfilme und ich drehe auch nicht gern mit Kindern. Ich habe in mehreren meiner Filme Kinder gehabt und es war immer Scheiße. Die gehorchen nicht richtig oder können nicht richtig Schauspielern. Dann: Ihre Eltern sind da, Lehrer sind da. Alles Mögliche. Die wollen speziell andere Sachen zum Essen, nehmen kein Kokain, trinken keinen Alkohol…. Also: Mit Kindern hab ich‘s echt nicht so.

Sie leben und produzieren hauptsächlich in Kanada. Jetzt sind Sie gerade nach Deutschland gekommen: Was für Gefühle kommen auf, wenn Sie dann landen, nachdem Sie wieder mal ein paar Monate in Kanada waren?

Also, ganz ehrlich: Wenn ich in Deutschland lande, denke ich zu allererst: Wo kriege ich Thüringer Leberwurst?! Weil in Kanada, also wenn’s um Brot geht und Wurst, ist man auf verlorenem Posten. Wenn ich dann wieder hier bin, muss ich erst mal in die Metro und muss einkaufen. Es gibt schon bestimmte Sachen, die fehlen einem ganz doll. Also, meine Eltern nicht so, zum Beispiel. Oder mein Bruder. Aber bestimmte Essensdinge. Gestern habe ich erstmal einen Döner Dürüm gegessen. Und Currywurst und Pommes kommen auch bald. Das vermisst man schon, aber sonst vermisse ich in Deutschland nicht so viel.

Ihr allerster Film – „German Fried Movie“ von 1991, der parodiert ja das Fernsehen. Was hat sich seitdem verändert? Denken Sie, es ist hoffnungslos, das Fernsehen ist immer noch so schlimm wie damals, - oder sogar noch schlechter?

Es ist immer noch so schlecht. Aber man muss eben auch sehen: „German Fried Movie“ war ja vor „Freitag Nacht News“, „RTL Samstag Nacht“ oder „Die Heute Show“ und diesen ganzen Sachen. Wir haben das Fernsehen schon vorher auf die Schippe genommen. Wir hatten Selbstmord vor laufender Kamera, wir hatten eine Irak-Krieg-Show… Und das alles 1991! Da war der erste Irak-Krieg gerade. Wir haben sehr viele Sachen vorweggenommen mit „German Fried Movie“ und von daher ist der Film ein Klassiker.

Und wenn man jetzt so durchs Fernsehen zappt,. Ich guck ja auch viel amerikanisches Fernsehen, es verschiebt sich einfach. Wenn man so Fernsehserien sieht – „Verliebt in Berlin“ und so’n Scheiß, denkt man „mein Gott, ich bin auch ein verdammt guter Schauspieler im Vergleich zu denen.“ Es ist wirklich grauenhaft schlecht. Das Beste ist, dass in diesen Reality-Sachen – „Das Dschungelcamp“ und dieses „Nachts in Berlin“ oder so, – dass die größten Asis, die sonst alle nur auf Hartz IV hängen, jetzt auch eine Chance beim Fernsehen haben. Die verdienen sich dumm und dusselig stellenweise und das ist auch irgendwie was wert, muss ich sagen. (Boll-Interviewer sieht auf die Uhr)

Beobachten Sie die deutsche Film-Szene eigentlich überhaupt noch? Gibt es da etwas, was Sie besonders super finden im deutschen Fernsehen, "Tatort" oder die deutschen Komödien?

Es gibt eigentlich im Fernsehen in Deutschland… (bricht ab) … Die Nachrichten gucke ich, Fußball. Ich habe alle deutschen Sender auch in Kanada. Da gibt es so eine Box, da kann man alles gucken, was in Deutschland läuft und eigentlich guck ich nur die Sportschau oder irgendwelche Fußballspiele. Der Rest interessiert mich eigentlich nicht so sehr. Aber ein „Tatort“ ist eben eine Institution, aber es ist irgendwie nichts, was mich vom Sockel haut. Diese ganzen deutschen Filme, 100 deutsche Filme, die pro Jahr gedreht werden mit hunderten von Millionen Filmfördergeldern. Was sind das für Filme? „Keinohrhasen 18“… Also ich meine, es ist wirklich so. Die nimmt im Ausland auch keiner richtig zur Kenntnis.

Wer hier Filme macht, der kriegt – wie Sie sagten – Filmfördergelder. Haben Sie es mal versucht?

Ja, wir haben es mal probiert, damals, 1995, das erste Semester haben wir auch Filmfördergeld bekommen. Danach dann nix mehr, aber es ist eben auch so: Wenn man einen Film dreht wie „Rampage“, kriegt man auch keine Filmförderung in Deutschland. Es werden eben Sachen gefördert in Deutschland, die um 20:15 Uhr im Fernsehen kommen können, und damit sind schon mal alle gewalttätigen Filme raus, Filme, die ab 16 oder 18 sind, sind raus, und das ändert natürlich auch das Verhalten der Filmemacher in Deutschland. Was in Deutschland hart ist, darüber regt sich in Amerika kein Mensch auf. Man muss eben auch sehen, im Fernsehen in den USA kommt alles zu jeder Zeit.

Diese Limitierungen wie beispielsweise, dass man „Rampage“ mitten in der Nacht zeigen muss, die gibt es ja alle im Ausland nicht. Da kann man auch um ein Uhr nachmittags „Freitag, der 13.“ gucken oder „Saw“ oder irgendwelche Horrorfilme. Diese ganzen Limitierungen sind da nicht existent. Und die Frage ist auch tatsächlich, ob das alles noch so zeitgemäß ist. Dafür hat man jetzt auch Fernseher, die bestimmte Programme blocken bei Kindern. Dass man sagt. "Ihr könnt jetzt nicht irgendwelche HBO- oder Showtime-Sachen gucken, solange ihr nicht 16 seid." Dann wird das eben geblockt. Aber wenn i c h etwas gucken will nachmittags um Eins, was gewalttätig ist, kann ich es auch. Ich habe mit Gewalt auch nicht wirklich so das Problem.

Sie haben ja über 50 Filme produziert und bei über 30 Filmen Regie geführt. Wie schafft man sowas überhaupt und wie sieht eigentlich Ihr Zeitmanagement aus?

Es war natürlich eine sehr intensive Zeit die letzten 20 Jahre mit stellenweise wirklich zwei, drei Produktionen pro Jahr. Aber jetzt in letzter Zeit ist ja eher ein bisschen Ruhe eingekehrt und das hat auch damit zu tun, dass eben die Filmbranche wirklich im Umbruch ist. Netflix überall und andere Sender, das Verhalten der Leute ändert sich auch, man hat keine Videotheken mehr, wo man auch Filme leihen kann. Und das ist natürlich auch ein gravierender Einnahmeverlust, den viele Filme heute haben. Und da werde ich natürlich auch vorsichtiger. Obwohl: als nächstes drehe ich ja „Rampage 3“, aber es war eben unglaublich viel Arbeit. Aber wenn man Filme machen will, ist das Hobby im Endeffekt der Beruf und man fühlt sich auch wohl dabei.

Ihren Ruf als „schlechtester Regisseur aller Zeiten“, den haben Sie ja nun mal weg. Was soll man schon dagegen machen? Meinen Sie, die Leute kriegen das gar nicht mit, dass Sie so viele Filme gemacht haben, die eben n i c h t auf Videospielen beruhen, sondern eben auch Filme wie „Assault on Wall Street“, „Rampage“, „Darfur“, die eben auch politische Themen beinhalten?

Ja, ich denke schon, dass ich in 32 Filmen, in denen ich auch Regie geführt habe, Drehbücher geschrieben habe und so weiter – dass ich ein riesen Spektrum abgearbeitet habe. Angefangen mit „German Fried Movie“, dann der Barschel-Film „Barschel – Mord in Genf“, ich habe ganz verschiedene Filme gedreht, auch Dramen wie „Heart of America“ wo es um Schulgewalt ging. Und als ich dann „House oft he Dead“ gedreht habe, der erste Videogame-Zombie-Film, den ich gemacht habe, war natürlich alles vorbei. Ab da war ich nur noch der Videogame-Regisseur und wurde dem entsprechend auf den Index gesetzt. Quasi als „Idiot“, „Der schlechteste Regisseur der Welt“ und so weiter und so fort. Man muss dann eben damit umgehen. Man muss dann einfach sagen, „Ach ja, ist egal, wenn alle das so sagen, dann nehmen wir es so wie es kommt.“ Und ich kann damit ganz gut leben, ehrlich gesagt. Und es ist natürlich totaler Quatsch. Also für mich: „Ich bin der beste Regisseur der Welt“ und nicht „der schlechteste Regisseur der Welt“. Von daher gleicht sich das dann ja wieder aus. Zwischen Fremdwahrnehmung und Eigenwahrnehmung denke ich, trifft man sich in der Mitte.

Eine schlechte Bewertung von einem Kritiker heißt ja lange noch nicht, dass die Filme auch finanziell gefloppt sind. Wie beurteilen Sie das im Endeffekt und warum eignen Sie sich so gut als Buhmann?

Ich eigne mich als Buhmann (lacht), als perfekter Buhmann, weil ich nie dieses Hollywood-Spiel gespielt habe. Ich war immer ein Außenseiter in Hollywood, ich habe nie einen Agenten gehabt, nie einen Manager, nie einen PR-Menschen oder sonst irgendwas. Ich habe immer alles selber gemacht. Und dann ist man auch ein Opfer. Die Leute stürzen sich auf einen, weil sie wissen: Ah, der kann sich nicht richtig helfen, hinter dem steht kein Filmstudio. Das uns dann von späteren Premieren fern hält, wenn wir negativ über den schreiben. Also von daher war ich da das perfekte Opfer und in Deutschland der perfekte Buhmann, weil ich immer gegen die Filmförderung war. Weil ich immer gesagt habe, da werden hunderte von Millionen Steuergelder zum Fenster rausgeschmissen. Vor allem, weil die vergeben werden, wie von Königen. So nach dem Motto: „Wir sind das Filmförderungsgremium, und wenn du ganz nett zu uns bist, dann geben wir dir Filmförderung.“ Und das hat dazu geführt, in den letzten 30 Jahren in Deutschland, dass es im Prinzip so eine Filmfördermafia gibt, die sich dann gegenseitig unterstützen mit den Filmemachern selber. Da sind sie schön auf dem Stehempfang in Cannes und danach werden wieder die Fördergelder vergeben. Für mich ist das eine Form von Korruption. Ja? Also einen Bundespräsidenten wie Wulff vor ein Gericht zu stellen wegen 400 Euro Hotelkosten, aber dann gleichzeitig nichts zu unternehmen für ganz klare Bestechung und Veruntreuung von öffentlichen Geldern… Bei der Filmförderung geht es über die letzten 30 Jahre, reden wir mal über fünf, sechs Milliarden, die dazu geführt haben, dass manche Produzenten in Deutschland dicke Porsche fahren können, obwohl sie nicht einen Zuschauer im Kino hatten. Das muss man eben auch so sehen, da wird sehr viel Geld durch den Schornstein geschickt und von den 100 deutschen Filmen pro Jahr sind es vielleicht zehn, die man überhaupt zur Kenntnis nimmt.

Begreifen die Filmjournalisten eigentlich nicht, dass Sie etwas ganz Spezielles machen, dass Sie was anders machen als andere Regisseure?

Ich denke, dass viele Leute nicht begriffen haben, was ich eigentlich mache. Also – inklusive ich selber. (lacht) Es kommt wirklich darauf an, wie man die ganze Situation beurteilt. Da ist ein interessantes Gespräch, das ich kürzlich mit jemandem in Kanada hatte. Der konnte mich nicht einordnen. Ich bin eben nicht, wie manche sagen, der Ed Wood, den man aus dem Johnny Depp-Film kennt. Der Regisseur, der mit gar keinem Geld irgendwelche Scheiß-Filme gedreht hat. Die sind danach zu Kult geworden. Und er ist zu Kult geworden, weil Tim Burton den Film über ihn gemacht hat. Aber es passt für mich eben in Wirklichkeit gar nicht, weil ich zig Filme gedreht habe, auch stellenweise mit hohem Budget. Aber ich bin auch kein deutscher Regisseur, wie zum Beispiel Roland Emmerich oder Wolfgang Petersen, die nach Hollywood gegangen sind, die erfolgreich in Deutschland waren – Roland Emmerich vielleicht nicht so – aber dann nach Hollywood gegangen sind, erfolgreiche Hollywood-Regisseure geworden sind, aber da dann zu guter Letzt nur sitzen und darauf warten, dass ihnen das Filmstudio 100 Millionen gibt. Das bin ich auch nicht! Ich bin eine ganz eigene Branche. Ich hab meine eigenen Träume gehabt Filme zu machen, hab versucht das Geld dafür aufzubringen, hab das Geld dafür aufgebracht, hab dann immer weiter gemacht und so dann zu guter Letzt zig Filme produziert von A-Z, die dann aber auch selber verkauft und stellenweise auch selber verwertet. Ich habe diesen gesamten Prozess durchgemacht, den andere Regisseure dann irgendwo unterbrechen und sagen: „So, jetzt muss aber der Vertrieb und Verleih alles machen.“ Oder. „Jetzt muss der Produzent alles machen." Ich war immer alles in Personalunion. Also auf gut Deutsch: Es gibt nur einen Uwe Boll.

Sie kriegen ja immer wieder vorgehalten, dass Ihre Filme zu brutal wären. Dabei machen das andere Filmregisseure auch. Martin Scorsese-Filme, zum Beispiel „Goodfellas, aber auch „Passion oft he Christ“ (Mel Gibson). Das war ja eigentlich so ein Splatter-Jesus-Film. Warum bekommen Sie denn die ganze Dresche?

Es ist so. Im Endeffekt geht es um Leben und Tod. Ob man „Rampage“ sieht, oder „Darfur“, auch „Alone in the Dark“, „House oft he Dead“, was auch immer. Ich mache keine Filme, wo es darum geht „Ich hab ein Problem mit meiner Freundin“. Also, das ist einfach nicht da. Und von daher sind meine Filme eben sehr realistisch. Auch in der Gewaltdarstellung. Wenn es darum geht, „Ok wir müssen Monster bekämpfen“, wie in „Alone in the Dark“ oder wir haben andere Filme, wo eben ganz konkret realistische Sachen auftreten, wie Massenmord in dem „Darfur“-Film, oder der Vietnamkrieg in meinem Film „Tunnelratten“, der auch schon bei TELE 5 lief. Wenn man solche Thematiken macht, als Filmemacher, muss man sie auch realistisch machen. Und dazu gehört dann eben, dass man n i c h t die Kamera wegschwenkt, wenn einer erschossen wird, sondern dass man dann eben ein Blut-Squib macht und der explodiert dann. Und in Darfur, da sind Kinder gepfählt worden und so weiter. Andere würden das nicht zeigen, ich zeige das dann. Weil ich will, dass die Leute sehen: Ja, das ist Krieg und das passiert jeden Tag! Da darf man sich nicht wegdrehen, da muss man sich fragen: Wie können wir so etwas verhindern? Was können wir machen, damit so etwas nicht vorkommt. Das ist wichtig, und ich habe damit keine Probleme.

Gucken wir und mal Filme an von „Taxi Driver“ angefangen bis „Raging Bull“. Diese Art Filme, „Goodfellas“ und so weiter, die sind eben auch alle irgendwo gewalttätig, weil sei eben auch realistisch sein wollen. Ich bin ein Fan von dieser Art Film. Ich bin mit Filmen aufgewachsen wie „Apocalypse Now“, „Clockwork Orange“, „Die durch die Hölle gehen“. Das sind die Filme, die mich geprägt haben. Und die haben alle nicht die Augen verschlossen vor realistischen Gewaltdarstellungen.

Im deutschen Kino und Fernsehen sieht man im Prinzip immer dasselbe, also Hollywood und deutsche Komödien oder „Tatort“ und so weiter…. TELE 5 macht ja Ausnahmen, die zeigen Filme von überall: Spanien, Venezuela, Südkorea. Welches Land finden Sie denn persönlich spannend im Filmproduktionsbereich?

Es ist für mich schwer zu sagen, ob ich jetzt Südkorea besonders spannend finde, oder Japan und so weiter. Ich beurteile Filme nicht danach, wo sie herkommen. Wenn ein interessanter Film aus dem Ausland kommt, dann versuche ich ihn auch zu sehen. Wie zum Beispiel „Leviathan“, das ist ein russischer Film, der für den Oscar nominiert war. Der war ausgezeichnet. Oder dieser iranische Film, wo sich dieses Pärchen scheiden lassen wollte, war auch ein super Film. Es gibt immer wieder aus verschiedenen Ländern tolle Produktionen, die ich mir auch gerne angucke. Aber natürlich ist der amerikanische Film im Endeffekt stilbildend und pusht auch immer wieder Radikalität nach vorne. Das muss man den Amerikanern schon geben, neben dem Schrott wie „The Avengers“ und dem ganzen Kram, der jedes Wochenende ins Kino kommt. Es kommen meistens auch die besten Independence-Filme aus Amerika.

Was treibt Sie eigentlich an beim Filmemachen? 50 Filme in 50 Lebensjahren ist ja schon ungewöhnlich, sagen wir mal so. Sind Sie ein Workaholic.

Auf jeden Fall. Ich arbeite sieben Tage die Woche, ich habe nie einen Tag „off“, ich muss immer zumindest meine E-Mails beantworten, weil wir ja auch Filme verkaufen, international und so weiter. Da kann man nicht einfach aufhören. Und jetzt hab ich auch noch ein Restaurant aufgemacht in Vancouver, das Bauhaus-Restaurant, mit einem deutschen Koch aus Berlin. Das hält mich auch irgendwo beschäftigt. Da muss ich mich schon eine Stunde oder zwei am Tag mit beschäftigen, jetzt noch, hoffentlich in einem Jahr nicht mehr. Aber ich kann mir das gar nicht vorstellen, irgendwo zwei Wochen am Strand zu liegen. Selbst wenn man mal eine Woche in Urlaub fährt, muss ich trotzdem immer online sein und checken, was so passiert. Aber das ist auch, was ich vorher gesagt habe: mein Hobby ist mein Beruf. Ich wollte immer Filme machen und wenn man das macht, was man immer machen wollte, dann ist es in gewissem Sinne auch kein Beruf, auch wenn es nervenaufreibend ist. Ich habe damit gar kein Problem.

Sie übernehmen manchmal auch kleine Rollen in Ihren Filmen. Warum eigentlich? Wollen Sie auch Schauspieler sein, oder ist das aus pragmatischen Gründen, weil kein anderer da ist?

Also die kleinen Rollen, die ich in meinen kleinen Filmchen manchmal spiele, da gibt es einen Mix. Also in „Rampage 2“, diesem „Capital Punishment“, da spiele ich einen Fernsehproduktionsdirektor. Es war wirklich so, dass die Rolle gar nicht im Drehbuch war und wir gemerkt haben, wir brauchen da irgendwie jemanden, der mit dem andern Darsteller überhaupt spricht. Und dann hab ich mir die Jacke angezogen und hab den selber gespielt. Inhaltlich ist das alles ok, aber schauspielerisch war es wirklich eine Katastrophe. Anders kann ich’s nicht sagen. Der Film an sich ist sehr gut geworden. (Boll, der Fragende guckt wieder mal auf die Armbanduhr) Es gibt aber auch Sachen wie „Postal“, da spiele ich mit auch aus Eigenberechnung. Da spiele ich mich selber als Figur, der dann eben ein Nazi-SEaM-Camp hat in Amerika. Also auf gut Deutsch: „Erlebe das Dritte Reich“: Statt Fantasialand eben Hitler-Deutschland als Fantasy-Trip, wo man dann 20 Dollar Eintritt für bezahlt. Das war natürlich eine Satire-Überlegung. Aber zum Beispiel in meinem Film „Auschwitz“, wo es um den Massenmord geht, da hatte ich nur Kroaten am Set. Das war dann eben so eine Sache, wir brauchten einen Nazi-Aufseher und es war einfach keiner da, der erstens deutsch sprach und zum zweiten auch, der begriffen hat, was da zu tun war in der Gaskammer. Und da spiel ich dann diesen Typen, der im Prinzip alle in die Gaskammer schickt. Und das ist sehr gut geworden.

Muss ein Film eine Botschaft haben? Oder reicht es einfach, wenn ihn jeder versteht und wenn er einfach unterhaltsam ist?

Die Oberbotschaft ist: man muss die Leute irgendwo packen und unterhalten. Und wenn dann ein Film, wie zum Beispiel mein Film „Assault on Wall Street“ – da geht es ja um die Finanzkrise – eine Botschaft hat, dann soll sie auch so rauskommen, dass der Zuschauer es versteht. „Tunnelratten“ ist ein Antikriegsfilm. Da ist eben die Botschaft „Krieg macht keinen Sinn. Jeder verliert in einem Krieg.“ Und bei „Assault on Wall Street“ ist die Botschaft eben ganz klar, dass die bale outs, so wie sie gemacht worden sind, niemals hätten passieren dürfen, und dass man nach den bale outs für die Banken eben auf jeden Fall das Finanzsystem hätte kontrollieren müssen. Dass man eben Investmentbanken und den Rest absplittet. Dass wir unser Sparguthaben nicht verlieren, nur weil die zocken. Jedes Thema verdient eine eigene Botschaft. Trotzdem kann man auch mal einen Film drehen wie „Der weiße Hai“ oder „Alone in the Dark“, wo keine Botschaft drin ist. Wo man einfach einen Film guckt und der ist unterhaltsam.

Welche Frage können Sie in einem Interview nicht mehr hören und warum?

Die einzige Frage, die ich nicht mehr hören kann, ist „Warum sind Sie der schlechteste Regisseur aller Zeiten?“ oder „Warum sagen die Leute über Sie, Sie sind der schlechteste Regisseur aller Zeiten“. Das ist so nach dem Motto: Wir haben mal wieder recherchiert bei Wikipedia und Ende. Das ist so eine Frage wo man denkt: Guck doch mal, wieviel Filme ich gedreht hab, guck doch mal, dass da auch ganz verschiedene Filme dabei waren. Meine Filme sind in fast 90 Filmfestivals gelaufen. In Deutschland übrigens in keinem. Hier lädt mich keiner ein. Aber im Ausland über 90 Filmfestivals. Der „Darfur“ hat in New York den Preis als bester Film beim „New York International Independent Film and Video Festival" gewonnen und so weiter und so fort. Es hat mit der Realität überhaupt nichts zu tun, aber man muss sich immer wieder damit beschäftigen. Da sagt man sich: mein Gott, recherchier doch mal.

Welche Frage sollte man Ihnen unbedingt mal stellen, aber keiner kommt drauf?

„Warum … (lacht) warum sind Sie so ein Genie, Herr Boll?“ Das ist die Frage, die man wirklich mal stellen muss, weil ich dann sagen kann: „Weil ich ein Genie bin.“… Nein, ich glaube, die meisten Leute haben mir alle Fragen schon einmal gestellt. Mir fällt persönlich auch keine wirkliche Frage ein. Man kann natürlich fragen „Warum haben Sie so viele Filme gedreht?“ – „Ich konnte nicht rechtzeitig aufhören.“ Oder wie auch immer, keine Ahnung. Zu guter Letzt fällt mir dazu auch nichts ein.

Herr Boll, wir danken Ihnen für dieses offene Gespräch! Also – Selbstgespräch. Danke selber, Herr Boll.

Das ganze Interview als Video gibt es hier zu sehen!